Krankheitsbild

Der Schlaganfall

Ein „Herzinfarkt“ im Gehirn – also ein Schlaganfall – verursacht meist keine Schmerzen, sondern Lähmungen, Sehstörungen oder Sprachprobleme. Die Schwaben kennen einen Begriff, „Schlägle“, der viel aussagt was das ernsthafte Erkennen dieser Volkskrankheit anbelangt. Die Symptome werden sehr häufig auf die leichte Schulter genommen.

Fast alle Menschen wissen, was ein Herzinfarkt ist. Und es ist völlig klar, dass bei Brustschmerzen der Notarzt gerufen wird. Beim Schlaganfall ist das anders: Der „Herzinfarkt des Gehirns“ verursacht meist keine Schmerzen, sondern Lähmungen, Sehstörungen oder Sprachprobleme. Und die werden viel zu häufig auf die leichte Schulter genommen – mit oft schlimmen Folgen.

Schlaganfälle sind häufig, jedes Jahr erleiden etwa 200.000 Menschen erstmalig einen Schlaganfall. Dazu kommen weitere 65.000 Schlaganfälle bei Menschen, die in der Vergangenheit schon einmal ein solches Ereignis durchgemacht haben.

Schlaganfälle entstehen meist als Folge einer Mangeldurchblutung. Fachleute sprechen dann von „Ischämie“. Die zweite Hauptursache des Schlaganfalls sind Blutungen innerhalb des Schädels. Daten des europäischen Schlaganfallregisters (European Registry of Stroke Investigators) aus dem Jahr 2009 zeigen, dass in Europa über 80 Prozent der Schlaganfälle auf eine Ischämie zurückgehen. Etwa zwölf Prozent sind Folge einer Hirnblutung. Und in drei Prozent der Fälle liegt eine Subarachnoidalblutung vor, also eine Blutung zwischen Hirnhäuten und der Gehirnoberfläche, die sich in dem das Gehirn umgebenden Flüssigkeitsraum ausbreitet.

 

Vier von zehn Patienten sterben oder tragen schwere Folgen davon

Der Schlaganfall ist eine Erkrankung des höheren Alters. Wer einen ischämischen Schlaganfall erleidet, ist im Mittel 73 Jahre alt. Patientinnen und Patienten mit Blutungen sind teilweise deutlich jünger. Unabhängig vom Alter ist ein Schlaganfall ein einschneidendes Ereignis, das auch dann, wenn es nicht tödlich endet, für die Betroffenen und deren Angehörige oft erhebliche Folgen hat. Im europäischen Schlaganfallregister haben 40 Prozent der Schlaganfallpatienten drei Monate nach dem erstmaligen Ereignis ein „schlechtes Outcome“, wie die Fachleute sagen: Sie sterben, bleiben dauerhaft schwer behindert oder müssen in ein Pflegeheim eingewiesen werden.

Daten aus dem Berliner Schlaganfallregister erlauben einen Rückschluss darüber, welche Patientinnen und Patienten nach einem Schlaganfall eine besonders ungünstige Prognose haben. Risikofaktoren für einen schweren Verlauf bis zur Krankenhausentlassung sind demnach unter anderem höheres Alter und besonders schwere Schlaganfälle. Ebenfalls überdurchschnittlich gefährdet ist, wer eine Lungenentzündung bekommt oder andere Komplikationen entwickelt.

Schlaganfallversorgung ist Teamarbeit: Oft sind neben Neurologen auch Ärzte anderer Fachdisziplinen involviert.

 

Schlaganfall: Ein „Viele-Milliarden-Euro-Thema“

Weil Schlaganfälle so häufig sind und zumindest teilweise einen komplikationsreichen Verlauf nehmen, sind nicht nur die menschlichen Folgen, sondern auch die Kosten, die sie verursachen, erheblich. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetzes Schlaganfall wurden im Jahr 2006 zum ersten Mal Zahlen zu den direkten Krankheitskosten beim Schlaganfall ermittelt, also zu den Kosten, die unmittelbar für die medizinische Behandlung anfallen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kamen dabei auf über 43.000 Euro pro Patient. Das addiert sich innerhalb von 20 Jahren zu über 100 Milliarden Euro.

Die allermeisten Schlaganfälle entstehen durch einen Gefäßverschluss oder durch eine Gefäßblutung. Zusätzlich gibt es eine Reihe seltener Schlaganfallursachen. Sie müssen bei der Erstdiagnostik unbedingt mit ins Kalkül gezogen werden, weil sich die Behandlung vom normalen Prozedere unterscheidet.

Die allermeisten Schlaganfälle entstehen durch einen Gefäßverschluss oder durch eine Gefäßblutung. Zusätzlich gibt es eine Reihe seltener Schlaganfallursachen. Sie müssen bei der Erstdiagnostik unbedingt mit ins Kalkül gezogen werden, weil sich die Behandlung vom normalen Prozedere unterscheidet.

 

Dissektion: Wenn das Blut vom Weg abkommt

Bei einer Dissektion reißt die Innenwand der Halsschlagader ein, die Gefäßintima. Das Blut, das vom Herzen mit hohem Druck in Richtung Gehirn gepumpt wird, nimmt diesen Riss als „Einladung“, sich einen neuen Weg zu suchen. Es wühlt sich in die Gefäßwand und erzeugt so eine Art Nebenarm der Arterie, der viele Zentimeter lang sein kann. Im Extremfall führt das zu einem Verschluss der Halsschlagader oder einer der daran anschließenden großen Hirnarterien.

Eine Dissektion äußert sich oft schon vor dem Schlaganfall als Hals-, Nackenoder halbseitiger Kopfschmerz. Auch die eigentlichen Schlaganfallsymptome nehmen meist schrittweise zu. Bei vielen Patienten kommt es zu einem so genannten Horner-Syndrom: Die Pupille ist einseitig verengt, das obere Augenlid hängt herunter und der Augapfel ist etwas eingefallen. Diese Konstellation entsteht durch die Schädigung eines Nervs in unmittelbarer Nachbarschaft der Halsschlagader.

Erkannt wird das durch eine bildgebende Untersuchung. Es wird geschätzt, dass etwa jeder 50. Schlaganfall auf eine Dissektion zurückgeht. Sie zu finden ist wichtig, weil zeitweilig eine starke Blutverdünnung nötig ist, um größere Schäden zu vermeiden und eine Heilung zu erleichtern.

 

Morbus Fabry: Stumme Hirninfarkte im mittleren Alter

Zu Schlaganfällen kann es auch bei der seltenen erblichen Stoffwechselerkrankung Morbus Fabry kommen. Bei Fabry-Patienten führt eine Genmutation auf dem X-Chromosom dazu, dass ein bestimmtes Enzym, die Alpha-Galactosidase A, nicht mehr funktioniert. Dadurch reichern sich im Körper Stoffwechselprodukte an, die schädlich sind, wenn sie nicht abgebaut werden. Patienten mit Morbus Fabry – es sind meistens Männer – haben vielgestaltige Beschwerden und werden oft erst spät als Fabry-Patienten erkannt. Schon früh treten Schmerzen und Nierenprobleme auf. Ab einem Alter von etwa 30 bis 40 Jahren kommt es dann auch zu Schlaganfällen, die vor allem die Nervenfaserbündel, die „weiße Substanz“ betreffen. Das Enzym, das Patienten mit Morbus Fabry fehlt, kann mittlerweile synthetisch hergestellt werden. Wird es konsequent eingenommen, lassen sich damit viele Komplikationen verhindern – auch Schlaganfälle.

 

CADASIL: Schlaganfall in den Genen

Die CADASIL-Erkrankung war die erste Schlaganfallerkrankung, bei der die Wissenschaft eine genetische Ursache nachweisen konnte. Das Kürzel CADASIL steht für „cerebrale autosomal-dominante Arteriopathie mit subkortikalen Infarkten“. Es handelt sich also um eine Erkrankung der Blutgefäße, die zu kleineren, aber dafür sehr zahlreichen Schlaganfällen führt. Sie sind nicht so sehr in der Hirnrinde, sondern unterhalb, im Bereich der Leitungsbahnen angesiedelt. Typisch für diese Art der Schlaganfälle ist eine schleichende Verschlechterung der Symptome.

Je länger die Betroffenen leben, umso deutlicher werden Defizite der Hirnleistung. Es kommt zu Schmerzen, psychischen Auffälligkeiten und epileptischen Anfällen. Wird die CADASIL-Erkrankung früh diagnostiziert, können gerinnungshemmende Medikamente den Verlauf zumindest abmildern.

 

Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung