Rehabilitation

Die Psyche redet mit

Auch wenn Schlaganfälle primär auf Schädigungen der Blutgefäße des Gehirns zurückgehen, so ist der Schlaganfall doch keine rein neurologische Erkrankung. Psychische Faktoren spielen auf vielfältige Weise mit hinein. Und es sieht so aus, als hätte die Psyche auch bei der Regeneration des geschädigten Hirngewebes ein wichtiges Wörtchen mitzureden.

 

Schlechte Stimmung macht krank – auch beim Schlaganfall

Psychischen Faktoren wird gemeinhin bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen irgendeine Art von Einfluss zugesprochen. Häufig ist das schwer belegbar, weil die Interaktion zwischen Psyche und Körper sehr komplex ist. Beim Schlaganfall weiß die Forschung mittlerweile aber recht gut über die Bedeutung psychischer Faktoren Bescheid. Sowohl mentaler Stress als auch eine Depression gelten als unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten von Schlaganfällen.

Etwa ein bis zwei Prozent aller Menschen erleiden zwischen dem 18. und 79. Lebensjahr einen Schlaganfall. Werden alle existierenden Studien gemeinsam ausgewertet, dann ist das Risiko eines Schlaganfalls bei Menschen mit einer Depression um 45 Prozent erhöht, das Risiko eines tödlichen Schlaganfalls sogar um 55 Prozent.

 

Bisher oft unterschätzt: Die Depression nach dem Schlaganfall

Umgekehrt kann ein Schlaganfall auch zu einer Depression führen. Warum das so ist, wissen Hirnforscher noch nicht ganz genau. Aber zumindest intuitiv ist es gut nachvollziehbar, dass Schäden an den Nervenzellen, den Grundbausteinen des Gehirns und damit auch der Psyche, nicht nur neurologische Defizite wie Lähmungen oder Sprachstörungen, sondern auch psychische Veränderungen wie etwa eine Depression bewirken können.

Bekannt ist, dass es einige genetische Faktoren gibt, die eine Depression nach einem Schlaganfall zumindest wahrscheinlicher machen. Das ist aber sicher nicht alles. Auch das Ausmaß des Schlaganfalls und seiner Folgen spielt eine Rolle: Je ausgedehnter der Schlaganfall und je stärker die körperlichen Beeinträchtigungen nach dem Schlaganfall sind, umso eher werden die Betroffenen depressiv.

Frauen neigen nach einem Schlaganfall eher zu einer Depression als Männer. Und außerdem sind Menschen ohne soziale Unterstützung nach einem Schlaganfall häufiger betroffen.

 

Schlaganfall, Depression und die Folgen

Eine sowohl aus wissenschaftlicher Sicht wichtige als auch für die Betroffenen in hohem Maße relevante Frage ist nun, ob und wie eine Depression nach dem Schlaganfall Einfluss nimmt auf die langfristigen Folgen des Schlaganfalls. Lassen sich die Folgen des Schlaganfalls mildern, lässt sich das „Outcome“, also das klinische Gesamtergebnis der Schlaganfallbehandlung, verbessern, wenn eine Depression nach einem Schlaganfall gezielter als bisher behandelt wird? Und: Macht es vielleicht sogar Sinn, Schlaganfallpatientinnen und -patienten vorbeugend antidepressiv zu therapieren? Erste Hinweise darauf gibt es. So hat eine Studie mit über 100 Patientinnen und Patienten mit akutem Schlaganfall Hinweise darauf erbracht, dass sich die motorische Funktion besser erholt, wenn während der Rehabilitation antidepressiv behandelt wird. Das wird jetzt in größeren Studien untersucht.

 

Bewährtes und Neues in der Schlaganfallrehabilitation

Bei etwa einem Viertel aller Patientinnen und Patienten mit einem Schlaganfall folgt auf die Akutbehandlung in der Stroke Unit eine professionelle Rehabilitation. Die meisten Betroffenen besuchen eine stationäre Rehabilitationseinrichtung. Dort geht es nicht nur darum, funktionelle Defizite zu trainieren, sondern auch darum, Komplikationen zu verhindern und gezielt an der Wiedereingliederung in den Alltag zu arbeiten.

 

Je früher umso größer sind die Erfolgsaussichten

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) gliedert die Behandlung in der Neurologie in die Phasen A bis F. Die Phase A ist dabei die Akutbehandlung. Die Phasen B bis F beschreiben unterschiedliche Rehabilitationssituationen. Die Phase B setzt an der Schnittstelle zur Akutversorgung an, um vor allem bei schwer betroffenen Schlaganfallpatienten möglichst keine Zeit verstreichen zu lassen. Dass diese sehr frühe Rehabilitation den Betroffenen helfen kann, konnten Forscherinnen und Forscher in den vergangenen Jahren belegen. Teilweise beginnt die Phase B-Rehabilitation bereits in einem Stadium, in dem die Patienten noch maschinell beatmet werden.

In der Phase C-Rehabilitation geht es darum, die Selbständigkeit der Betroffenen bei Aktivitäten des täglichen Lebens zu erreichen. In der Phase D-Rehabilitation sind die Patienten bereits weitgehend selbständig: Hier werden vor allem spezifische kognitive oder funktionelle Defizite gezielt trainiert. Die Phasen E und F schließlich beschreiben die Nachsorge beziehungsweise dauerhaft nötige Unterstützungsleistungen.

 

Dem Gehirn auf die Sprünge helfen

Die Rehabilitation nach einem Schlaganfall zielt darauf ab, funktionelle Defi zite zu beheben und alltagsrelevante Tätigkeiten zu trainieren. Aktuelle Forschungsprojekte zur Rehabilitation nach einem Schlaganfall versuchen, Erkenntnisse der modernen Hirnforschung und Lerntheorie zu nutzen, um die Effektivität der Rehabilitation zu verbessern.

 

„Nachhilfeunterricht“ fürs Sprachzentrum

Sprachliche Defizite gehören zu jenen Schlaganfallfolgen, die viele Betroffene im Alltag als besonders quälend empfinden. Wer Probleme hat, sich zu artikulieren, kann am sozialen Leben nur noch eingeschränkt teilnehmen. Programme, die spezifisch auf eine Verbesserung schlaganfallbedingter Sprachstörungen abzielen, bilden deswegen einen Schwerpunkt der Rehabilitationsforschung.

Technische Unterstützung könnte die transkranielle Gleichstromstimulation leisten. Bei diesem nicht invasiven Verfahren wird an der Kopfhaut, über den darunter liegenden Spracharealen, eine Stimulationselektrode befestigt, die Stromimpulse aussendet. Die Betroffenen spüren das nur anfänglich als ein leichtes Kribbeln. Typischerweise wird etwa 20 Minuten lang stimuliert, meist zusammen mit dem Rehabilitationstraining. Das Ziel ist, die jeweils relevanten Hirnareale zu aktivieren und so die im Rahmen der Rehabilitation angestoßenen Lernprozesse effektiver zu machen.

 

Dass das im Zusammenhang mit der Sprachrehabilitation grundsätzlich funktioniert, konnten Rehabilitationswissenschaftler bei gesunden Probanden nachweisen, die in einer Studiensituation eine ihnen unbekannte Sprache lernen sollten und dabei besser abschnitten, wenn eine Gleichstromstimulation über dem Sprachzentrum erfolgte. Auch bei Schlaganfallpatienten konnte in ersten kleineren Studien gezeigt werden, dass die Wortbenennung verbessert werden kann.

 

Neuroplastizität und Lebensstil

Wie effektiv Lernvorgänge im Rahmen der Rehabilitation ablaufen, hängt unter anderem davon ab, ob die Nervenzellen in der Lage sind, sich den nach dem Schlaganfall veränderten Bedingungen anzupassen und neue Netze zu knüpfen. Neuroplastizität ist dabei das Stichwort. Je besser die Neuroplastizität, umso anpassungsfähiger und lernfähiger ist das Gehirn. Die Neurowissenschaft geht heute davon aus, dass sich die Neuroplastizität nicht nur durch technische Hilfsmittel wie einen Gleichstromstimulator, sondern auch durch einen gesunden Lebensstil günstig beeinflussen lässt. CSB-Forscher untersuchen, wie sich körperliche Betätigung auf die Neuroplastizität auswirkt. In einer Studie bei gesunden älteren Menschen konnten sie bereits zeigen, dass bei intensiver körperlicher Belastung auf einem Fahrradergometer mehr Nervenwachstumsfaktoren freigesetzt werden als bei leichter Gymnastik. Wenn sich diese Beobachtung auch beim Schlaganfall reproduzieren lässt, wäre das ein weiterer Ansatz, um Lernprozesse in der Rehabilitation gezielt zu unterstützen.

 

Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung